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Sprechangst

Warum Sie trotz guter Englischkenntnisse im Meeting schweigen

Wer gut Englisch kann und trotzdem schweigt, hat meist kein Wissensproblem. Anspannung bindet Aufmerksamkeit, und Ängstliche unterschätzen ihr Können.

Der Punkt ist klar, der Satz liegt fast fertig im Kopf, und dann spricht schon jemand anderes. Nach dem Meeting fällt Ihnen die Formulierung mühelos ein. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, ist Ihr Englisch vermutlich nicht das Problem. Die Forschung nennt mindestens drei andere Gründe.

Grund 1: Sie schätzen Ihr Englisch schlechter ein, als es ist

Peter MacIntyre, Kimberly Noels und Richard Clément ließen 1997 junge Erwachsene zunächst einschätzen, wie gut sie 26 Aufgaben in der Fremdsprache lösen würden, und dann die Aufgaben tatsächlich bearbeiten. Bei gleichem tatsächlichem Können unterschätzten sich die ängstlicheren Teilnehmenden, die weniger ängstlichen überschätzten sich eher.
Für den Meetingalltag heißt das: Ihr inneres Urteil über Ihr Englisch ist keine neutrale Messung. Wer ohnehin angespannt ist, hört in den eigenen Sätzen mehr Fehler, als andere wahrnehmen, und hält sich deshalb eher zurück.

Grund 2: Anspannung verbraucht den Platz, den Ihr Satz braucht

MacIntyre und Robert Gardner zeigten 1994, dass Angst an drei Stellen wirkt: beim Aufnehmen dessen, was gesagt wird, beim Verarbeiten und beim Sprechen selbst. Die Attentional Control Theory von Michael Eysenck, Nazanin Derakshan, Rita Santos und Manuel Calvo liefert 2007 eine Erklärung: Sorgenvolle Gedanken belegen einen Teil des Arbeitsgedächtnisses und schwächen die Kontrolle darüber, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet. Laut dieser Theorie leidet dabei vor allem die Effizienz: Die Leistung kann gelingen, kostet aber mehr Anstrengung und Zeit.
Genau diese Zeit fehlt im Meeting. Der Satz wäre korrekt geworden, nur zwei Wortmeldungen zu spät. Das ist eine Folgerung aus der Theorie, keine eigene Studie, deckt sich aber mit dem, was mir Klientinnen fast wörtlich so beschreiben.

Grund 3: In der Fremdsprache steht mehr auf dem Spiel als ein Satz

Elaine Horwitz, Michael Horwitz und Joann Cope beschrieben 1986 Fremdsprachenangst als eigene Form der Angst, zu der auch die Sorge gehört, von anderen negativ bewertet zu werden. Ein Meeting ist eine öffentliche Situation, in der genau das möglich scheint.
Tsedal Neeley fand 2013 in einem internationalen Konzern, dass Beschäftigte, die nicht in ihrer Muttersprache arbeiteten, einen Statusverlust erlebten, und zwar unabhängig vom tatsächlichen Niveau. Besonders betroffen waren Menschen mit mittlerem selbst eingeschätztem Niveau. Wer sonst als kompetent gilt, hat in diesem Moment das Gefühl, mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Warum gerade das Meeting

Sprechbereitschaft ist keine feste Eigenschaft. MacIntyre, Clément, Dörnyei und Noels beschrieben sie 1998 als Pyramide, an deren Spitze ganz situative Faktoren stehen: mit wem Sie gerade sprechen und wie sicher Sie sich in genau diesem Moment fühlen. Im Zweiergespräch mit einer vertrauten Kollegin läuft es deshalb oft, vor größerer Runde nicht.
Dazu kommt das Team. Amy Edmondson definierte 1999 psychologische Sicherheit als die geteilte Überzeugung, dass man im Team zwischenmenschliche Risiken eingehen kann. In ihrer Studie mit 51 Arbeitsteams hing sie eng mit Lernverhalten zusammen: Fragen stellen, Fehler ansprechen, Annahmen offen prüfen. Elizabeth Morrison und Frances Milliken beschrieben schon 2000, dass Schweigen in Organisationen ein kollektives Muster werden kann. Ihr Schweigen ist also nicht nur Ihre Sache, es hängt auch vom Raum ab.

Was Schweigen kostet

Helene Tenzer, Markus Pudelko und Anne-Wil Harzing führten 90 Interviews in 15 multinationalen Teams dreier deutscher Automobilkonzerne. Ihr Ergebnis: Wie Teammitglieder emotional und gedanklich auf Sprachbarrieren reagieren, beeinflusst, wie vertrauenswürdig sie wirken und wie bereit sie selbst sind, anderen zu vertrauen. Schweigen schützt also kurzfristig, kann aber langfristig Vertrauen kosten, gerade bei Menschen, die Sie noch nicht gut kennen.

Was Sie im nächsten Meeting anders machen können

Die folgenden Punkte sind meine Einschätzung aus der Arbeit mit Führungsfrauen, keine Studienergebnisse.
  • Den ersten Satz vorher festlegen. Ein Einstieg, den Sie im Schlaf können, nimmt dem Arbeitsgedächtnis eine Aufgabe ab, etwa I'd like to add one point. Mehr Einstiege finden Sie im Ratgeber Meeting auf Englisch.
  • Früh sprechen statt perfekt. Nehmen Sie sich vor, in der ersten Viertelstunde einmal etwas zu sagen, und sei es eine Rückfrage. Danach wird jede weitere Wortmeldung leichter.
  • Nach dem Meeting die richtige Frage stellen. Nicht: Wie hat es geklungen? Sondern: Wurde ich verstanden? Das wirkt der Unterschätzung entgegen, die MacIntyre, Noels und Clément beschrieben haben. Mehr dazu im Artikel zur Realitätsprüfung beim Sprechen.
  • Eine vertraute Person im Raum suchen. Wer vor dem Termin kurz Kontakt zu einer Kollegin aufnimmt, spricht oft leichter, weil eine der situativen Spitzen der Pyramide schon geregelt ist.

Eine Übung für heute

Wählen Sie einen Satz, den Sie im nächsten Meeting sagen möchten. Sprechen Sie ihn dreimal laut, einmal davon im Stehen, und nehmen Sie das letzte Mal mit dem Handy auf. Hören Sie nur auf eines: Ist der Inhalt angekommen?

Wann es mehr ist als Meeting-Nervosität

Wenn die Angst sehr stark ist, Sie auch in anderen Situationen einschränkt oder körperlich belastet, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung der richtige Ort. Sprachmentoring ersetzt das nicht. Den Hintergrund finden Sie im Ratgeber Angst, Englisch zu sprechen.
Bleibt eine Frage, die nur Sie beantworten können: Entscheiden Sie sich fürs Schweigen, bevor der erste Satz fertig ist, oder mitten im zweiten?

Ihr nächster Schritt

Häufige Fragen

Warum fällt mir das englische Wort erst nach dem Meeting ein?

Unter Anspannung ist der Zugriff auf Gelerntes langsamer, weil Sorgen einen Teil der Aufmerksamkeit binden. Das Wissen ist da, es steht im entscheidenden Moment nur weniger schnell zur Verfügung.

Ist mein Englisch schlechter, als ich denke?

Wahrscheinlich nicht. Studien zeigen, dass ängstliche Sprecherinnen und Sprecher ihre Fähigkeiten im Vergleich eher unterschätzen.

Hilft ein weiterer Sprachkurs?

Nur, wenn Ihnen wirklich Wörter oder Strukturen fehlen. Wenn Sie im Zweiergespräch gut zurechtkommen und nur in Meetings schweigen, liegt der Hebel meist woanders.

Quellen

  • Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. doi.org/10.2307/2666999
  • Eysenck, M. W., Derakshan, N., Santos, R., & Calvo, M. G. (2007). Anxiety and cognitive performance: Attentional control theory. Emotion, 7(2), 336–353. doi.org/10.1037/1528-3542.7.2.336
  • Horwitz, E. K., Horwitz, M. B., & Cope, J. (1986). Foreign language classroom anxiety. The Modern Language Journal, 70(2), 125–132.
  • MacIntyre, P. D., & Gardner, R. C. (1994). The subtle effects of language anxiety on cognitive processing in the second language. Language Learning, 44(2), 283–305.
  • MacIntyre, P. D., Clément, R., Dörnyei, Z., & Noels, K. A. (1998). Conceptualizing willingness to communicate in a L2. The Modern Language Journal, 82(4), 545–562.
  • MacIntyre, P. D., Noels, K. A., & Clément, R. (1997). Biases in self-ratings of second language proficiency: The role of language anxiety. Language Learning, 47(2), 265–287.
  • Morrison, E. W., & Milliken, F. J. (2000). Organizational silence: A barrier to change and development in a pluralistic world. Academy of Management Review, 25(4), 706–725. doi.org/10.2307/259200
  • Neeley, T. B. (2013). Language matters: Status loss and achieved status distinctions in global organizations. Organization Science, 24(2), 476–497. doi.org/10.1287/orsc.1120.0739
  • Tenzer, H., Pudelko, M., & Harzing, A.-W. (2014). The impact of language barriers on trust formation in multinational teams. Journal of International Business Studies, 45(5), 508–535. doi.org/10.1057/jibs.2013.64