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Führen

Führen auf Englisch: Was sich in der zweiten Sprache ändert

Führen auf Englisch heißt, in einer Zweitsprache Position zu beziehen. Das kostet oft Status und lässt sich steuern, etwa mit: My recommendation is …

Was die Forschung zu Sprache in globalen Organisationen zeigt

Die Harvard-Forscherin Tsedal Neeley untersuchte, wie Beschäftigte den Wechsel zu Englisch als Arbeitssprache erleben. In ihrer Studie von 2013 erlebten alle Beschäftigten, die nicht in ihrer Muttersprache arbeiteten, einen Statusverlust, unabhängig vom Sprachniveau. Am ängstlichsten waren Menschen, die ihr eigenes Niveau als mittel einschätzten.
In ihren Interviews bei SAP führten bis zu 70 Prozent der Befragten in Deutschland, Indien und den USA Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit auf Sprache zurück. Neeley und Robert Kaplan argumentieren deshalb, dass Unternehmen eine Sprachstrategie brauchen und Führungskräfte dafür Verantwortung tragen.

Was das für Ihre Führung bedeutet

Die folgenden Punkte sind meine Einschätzung, keine Studienergebnisse.
  • Struktur statt Tempo. Eine Agenda vorab und eine Zusammenfassung am Ende (To summarize, we decided …) tragen ein Meeting auch dann, wenn die Sprache holpert.
  • Raum für Rückfragen. Wer ausdrücklich fragt, What am I missing?, hilft sich und allen, die ebenfalls nicht in ihrer Muttersprache arbeiten.
  • Klare Sätze statt Abschwächungen. I think maybe we could possibly … nimmt dem Satz das Gewicht. My recommendation is … trägt.
  • Feedback mit Gerüst. Here's what worked well. One thing I'd change is … funktioniert in vielen Situationen.

Wo Führungskräfte typischerweise ausweichen

In meiner Arbeit beobachte ich drei Muster: die Mail statt des Anrufs, die Rückfrage, die schriftlich nachgereicht wird, und die Aufgabe, die an eine muttersprachliche Kollegin abgegeben wird. Alle drei entlasten sofort und verfestigen das Muster. Mehr dazu im Ratgeber Angst, Englisch zu sprechen und in den Einstiegssätzen für Meetings auf Englisch.

Vertiefung: Was Führung in der Zweitsprache verändert

Tsedal Neeley hat für ihr Buch „The Language of Global Success“ über Jahre ein Technologieunternehmen begleitet, das Englisch als gemeinsame Sprache eingeführt hat. Ihre Beobachtung: Die Umstellung verändert nicht nur, wie Menschen sprechen, sondern wer gehört wird. Mehrere Studien zeigen, wo genau Führung dabei unter Druck gerät.

Vertrauen braucht Sprache

Helene Tenzer, Markus Pudelko und Anne-Wil Harzing befragten Mitglieder internationaler Teams in deutschen Konzernen. Sprachbarrieren beeinflussten, wie verlässlich und kompetent Kolleg:innen einander einschätzten, und sie lösten Gefühle wie Unsicherheit oder Frust aus. Für Führungskräfte ist das zentral, weil Führung ohne Vertrauen nicht trägt.

Akzent und Glaubwürdigkeit

Shiri Lev-Ari und Boaz Keysar zeigten, dass Aussagen mit fremdem Akzent als weniger wahr eingeschätzt wurden, selbst wenn die Zuhörenden wussten, dass die Sprecher:innen nur vorgegebene Sätze vorlasen. Die Ursache ist die Verarbeitung: Was schwerer zu verstehen ist, wirkt weniger überzeugend. Daraus folgt nicht, dass Sie Ihren Akzent ablegen müssen, sondern dass Klarheit in Struktur und Tempo besonders viel bewirkt.

Wer spricht, gewinnt Status, aber nicht alle gleich

Elizabeth McClean und Kolleg:innen untersuchten, wer durch Vorschläge im Team an Status gewinnt. Männer, die neue Ideen einbrachten, wurden häufiger als Führungspersonen wahrgenommen. Frauen mit denselben Beiträgen profitierten nicht im gleichen Maß. Wenn dazu die Fremdsprache kommt, verstärken sich beide Effekte.

Durchsetzung mit Maß

Daniel Ames und Francis Flynn zeigten, dass Führungswirkung bei mittlerer Durchsetzung am größten ist. In der Zweitsprache landen viele unbeabsichtigt am unteren Ende, weil die feinen Abstufungen fehlen.
Im Mentoring setzen wir an genau diesen Stellen an: klare Struktur statt perfekter Aussprache, vorbereitete Formulierungen für Vorschläge und Einwände und eine Sprache, die Verbindlichkeit und Bestimmtheit zugleich trägt.

Ihr nächster Schritt

Häufige Fragen

Wirke ich auf Englisch weniger kompetent?

Das Gefühl, an Status zu verlieren, ist gut belegt. Wie Sie von außen wirken, hängt unter anderem von Klarheit und Struktur ab, und die lassen sich unabhängig vom Sprachniveau verbessern.

Muss ich fehlerfrei sprechen, um zu führen?

Nein. Verständlichkeit zählt in internationalen Teams mehr als Fehlerfreiheit, denn viele Beteiligte sprechen selbst nicht in ihrer Muttersprache.

Quellen

  • Ames, D. R. & Flynn, F. J. (2007). What breaks a leader: The curvilinear relation between assertiveness and leadership. Journal of Personality and Social Psychology, 92(2), 307–324.
  • Lev-Ari, S. & Keysar, B. (2010). Why don't we believe non-native speakers? Journal of Experimental Social Psychology, 46(6), 1093–1096.
  • McClean, E. J., Martin, S. R., Emich, K. J. & Woodruff, T. (2018). The social consequences of voice. Academy of Management Journal, 61(5), 1869–1891.
  • Neeley, T. (2017). The Language of Global Success. Princeton University Press.
  • Neeley, T. B. (2013): Language Matters: Status Loss and Achieved Status Distinctions in Global Organizations. Organization Science, 476–497. DOI
  • Neeley, T. und Kaplan, R. S.: Why Businesses Need a Language Strategy. Harvard Business School Working Knowledge
  • Neeley, T.: Interview zu The Language of Global Success. Russell Reynolds
  • Tenzer, H., Pudelko, M. & Harzing, A.-W. (2014). The impact of language barriers on trust formation in multinational teams. Journal of International Business Studies, 45(5), 508–535.