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Führen

Englisch als Konzernsprache: Was deutschsprachige Teams erleben

Wird Englisch zur Konzernsprache, entstehen in deutschsprachigen Teams oft Unsicherheit und Machtfragen. Die Forschung zeigt, warum, und was Führungskräfte tun können.

In vielen Unternehmen der DACH-Region ist Englisch längst die Sprache der Berichte, der Calls mit der Zentrale und der Vorstandsunterlagen. Gleichzeitig bleibt Deutsch die Sprache auf dem Flur. Dieses Nebeneinander hat Folgen, die selten offen besprochen werden.

Wie verbreitet Englisch im Job ist

Eine von Indeed beauftragte Befragung von rund 2.300 Beschäftigten in Deutschland, über die das Fachmagazin Personalwirtschaft 2018 berichtete, ergab: 44 Prozent nutzen im Job Fremdsprachen, und unter ihnen steht Englisch mit 97,4 Prozent an erster Stelle. Etwas mehr als die Hälfte fühlte sich im Englischen sicher oder sehr sicher. Das heißt umgekehrt: Fast die Hälfte tut es nicht in vollem Umfang.

Unsicherheit beim Zugriff auf die Worte

Pamela Hinds, Tsedal Neeley und Catherine Cramton haben ein Technologieunternehmen untersucht, in dem deutsche und US-amerikanische Teams auf Englisch zusammenarbeiteten. Fast alle deutschen Befragten beschrieben eine gewisse Angst, im entscheidenden Moment nicht die passenden Worte zu finden, besonders bei fachlich schwierigen, emotionalen oder ermüdenden Gesprächen. Das deckt sich mit dem, was Führungskräfte im Mentoring berichten: Das Englisch ist da, aber nicht immer abrufbar.

Sprache wird zum Blitzableiter für Machtfragen

Dieselbe Studie zeigt, dass Sprachunterschiede Teams in Untergruppen teilen können, vor allem dort, wo Machtverhältnisse umstritten sind. Tenzer und Pudelko haben das für multinationale Teams vertieft: Wer die Konzernsprache souverän beherrscht, gewinnt Einfluss, unabhängig von der fachlichen Rolle. Für eine Führungskraft heißt das: Zurückhaltung im Englischen wird schnell als Zurückhaltung in der Sache gelesen.

Meetings folgen kulturellen Drehbüchern

Tine Köhler, Helene Tenzer und Catherine Cramton beschreiben Meetings als kulturell geprägte Drehbücher: Wer wann spricht, wie man widerspricht, wann eine Entscheidung gilt. Wechselt die Sprache, wechselt oft unbemerkt auch das Drehbuch. Deutschsprachige Führungskräfte sind eine eher direkte Gesprächsführung gewohnt und erleben auf Englisch Erwartungen an Höflichkeit und Umschreibung, die sie zusätzlich verunsichern.

Was hilft

  • Unsicherheit benennen, statt sie zu verstecken: Die Forschung zeigt, dass Empathie für Sprachfragen Gräben zwischen Gruppen verkleinert.
  • Gesprächsregeln vereinbaren, zum Beispiel Pausen nach Fragen oder Zusammenfassungen am Ende.
  • Die eigenen Muster kennen: in welchen Runden Sie flüssig sind und wo Sie stocken.
Konkrete Formulierungen für schwierige Momente finden Sie unter Diplomatisch widersprechen auf Englisch. Den Hintergrund zu Status und Vertrauen beschreibt Führen in einer Fremdsprache. Und warum das Problem selten am Wortschatz liegt, zeigt Trotz guter Englischkenntnisse im Meeting schweigen.

Vertiefung: Meetings, Medienwahl und Glaubwürdigkeit

Neben Macht und Emotion zeigen drei weitere Forschungslinien, wie Englisch als Konzernsprache den Alltag deutschsprachiger Teams prägt.

Was in Meetings passiert, zählt

Simone Kauffeld und Nale Lehmann-Willenbrock analysierten Teammeetings in deutschen Unternehmen. Lösungsorientierte Beiträge hingen mit Teamzufriedenheit und Unternehmenserfolg zusammen. Wenn ein Teil des Teams wegen der Sprache weniger beiträgt, fehlt genau dieser Anteil.

Ausweichen auf Schriftliches

Helene Tenzer und Markus Pudelko untersuchten, welche Kommunikationskanäle mehrsprachige virtuelle Teams wählen. Nicht-Muttersprachler:innen griffen für bestimmte Aufgaben bewusst zu schriftlichen Kanälen, weil sie dort Zeit zum Formulieren haben. Das ist sinnvoll, hat aber Folgen: Wer vor allem schreibt, ist in Videocalls weniger sichtbar, und dort werden oft Entscheidungen vorbereitet.

Akzent und Glaubwürdigkeit

Shiri Lev-Ari und Boaz Keysar zeigten, dass Aussagen mit fremdem Akzent als weniger glaubwürdig eingeschätzt werden, weil sie schwerer zu verarbeiten sind. Für Teams heißt das: Klarheit in Struktur und Tempo entlastet alle, unabhängig vom Akzent.
Für Führungskräfte ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Meetings so gestalten, dass mündliche Beiträge vorbereitet werden können, schriftliche Vorarbeit sichtbar machen und selbst mit gutem Beispiel klar strukturiert sprechen.

Ihr nächster Schritt

Häufige Fragen

Sollte ich als Führungskraft offen sagen, dass ich auf Englisch unsicher bin?

Das kann entlasten, muss aber nicht. Wirksamer ist oft, Gesprächsregeln für alle einzuführen, die Nicht-Muttersprachler:innen Raum geben, ohne Einzelne hervorzuheben.

Ist ein Englischkurs für das ganze Team die Lösung?

Für Wortschatz und Grammatik ja. Für Statusfragen und Anspannung im entscheidenden Moment reicht er meist nicht, weil diese Ursachen nicht im Wissen liegen.

Quellen

  • Hinds, P. J., Neeley, T. B., & Cramton, C. D. (2014). Language as a lightning rod: Power contests, emotion regulation, and subgroup dynamics in global teams. Journal of International Business Studies, 45(5), 536–561. HBS Working Knowledge
  • Kauffeld, S. & Lehmann-Willenbrock, N. (2012). Meetings matter: Effects of team meetings on team and organizational success. Small Group Research, 43(2), 130–158.
  • Köhler, T., Tenzer, H., & Cramton, C. D. (2022). Culture-driven scripts for meetings: An integrative theoretical lens for studying workplace meetings. Organizational Psychology Review. doi.org/10.1177/20413866221122896
  • Lev-Ari, S. & Keysar, B. (2010). Why don't we believe non-native speakers? Journal of Experimental Social Psychology, 46(6), 1093–1096.
  • Personalwirtschaft (2018). Fast jeder zweite Deutsche braucht sie im Job. Bericht über eine Indeed-Befragung (Respondi, n = 2.299). personalwirtschaft.de
  • Tenzer, H. & Pudelko, M. (2016). Media choice in multilingual virtual teams. Journal of International Business Studies, 47(4), 427–452.
  • Tenzer, H., & Pudelko, M. (2017). The influence of language differences on power dynamics in multinational teams. Journal of World Business, 52(1), 45–61.