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Gehirn und Sprechen

Vermeidung lernt schnell: Wie das Gehirn wieder ins Sprechen findet

Gelerntes Schweigen verschwindet nicht durch Mutproben, sondern durch neue Erfahrungen in kleinen Schritten, in genau den Situationen, die bisher Anspannung auslösen.

Wenn Schweigen im Meeting gelernt ist, wie im Artikel Amygdala und Hippocampus beschrieben, stellt sich die praktische Frage: Wie wird es wieder verlernt? Die Lernforschung hat dazu eine klare, etwas unbequeme Antwort.

Extinktion heißt: neu lernen, nicht löschen

Der Lernforscher Mark Bouton hat gezeigt, dass eine abgeschwächte Furchtreaktion nicht gelöscht wird. Das Gehirn legt eine zweite, konkurrierende Erfahrung an: Diese Situation ist sicher. Die alte Erinnerung bleibt bestehen. Deshalb kehrt die Anspannung manchmal zurück, wenn man in den ursprünglichen Kontext zurückkommt, etwa nach dem Urlaub in die erste große Runde. Fachleute sprechen von Renewal. Für Sie heißt das: Ein Rückfall ist kein Beweis, dass nichts gewirkt hat. Er zeigt, dass die neue Erfahrung noch nicht in allen Kontexten verankert ist.

Warum Mutproben selten helfen

Der gut gemeinte Rat, sich einfach zu überwinden, scheitert oft an der Dosierung. Wer sich gleich in die schwierigste Situation zwingt und dort erneut stockt, bestätigt dem Gehirn die alte Lektion. Wirksamer ist eine Abstufung von leicht nach schwer, bei der jede Stufe mit einer gelungenen Erfahrung endet.

Vier Prinzipien für den Weg zurück ins Sprechen

  • Klein anfangen, aber im echten Kontext. Ein vorbereiteter Satz im Jour fixe zählt mehr als eine Stunde Übung allein, weil der Hippocampus die neue Erfahrung an den echten Ort bindet.
  • Kontexte variieren. Dieselbe Erfahrung in unterschiedlichen Runden, mit unterschiedlichen Menschen und Formaten macht sie robuster gegen Rückfälle.
  • Sicherheitsverhalten abbauen. Dauernd vorformulierte Texte, Kamera aus oder nur im Chat schreiben senken kurzfristig die Anspannung, verhindern aber, dass das Gehirn die Sicherheit selbst erlebt.
  • Den Körper einbeziehen. Ein langsamer Ausatem vor dem ersten Satz senkt die Erregung so weit, dass das Kontrollnetzwerk für die Zweitsprache wieder arbeiten kann.

Was das für Führungskräfte bedeutet

Sie müssen nicht warten, bis die Angst weg ist, um zu sprechen. Es ist umgekehrt: Das Sprechen in dosierten Schritten ist das, was die Angst kleiner macht. Konkrete Sätze für den ersten Schritt finden Sie unter Diplomatisch widersprechen auf Englisch und in den Formulierungen für jede Meeting-Phase. Wie sich das in eine Führungsrolle übersetzt, beschreibt Führen in einer Fremdsprache.

Vertiefung: Was die Lernforschung über nachhaltiges Neulernen weiß

Die Grundidee der Extinktion ist oben beschrieben: Alte Verknüpfungen werden nicht gelöscht, sondern von neuen überlagert. Die Gruppe um Michelle Craske an der UCLA hat zusammengetragen, unter welchen Bedingungen dieses Neulernen besonders stabil wird. Ihre Arbeit stammt aus der klinischen Forschung. Die zugrunde liegenden Lernprinzipien gelten aber für jedes Neulernen und lassen sich auf berufliche Situationen übertragen, ohne dass daraus eine Behandlung wird.

Erwartung überraschen

Neues wird dann besonders gut gelernt, wenn die Erfahrung der Erwartung widerspricht. Wer erwartet, dass ein Einwand auf Englisch peinlich endet, und erlebt, dass er aufgegriffen wird, lernt mehr als jemand, der nur „irgendwie durchkommt“. Darum lohnt es sich, vor dem Meeting kurz festzuhalten, was Sie befürchten, und danach zu prüfen, was tatsächlich passiert ist.

Abwechslung statt Wiederholung

Stabile neue Verknüpfungen entstehen, wenn Situationen variieren: unterschiedliche Runden, Themen und Gesprächspartner:innen. Wer nur im vertrauten Teammeeting übt, hat im Vorstandsmeeting oft wieder die alte Reaktion. Das passt zu den Befunden zum Kontext, die Mark Bouton beschrieben hat.

Sicherheitsverhalten abbauen

Zu den Befunden gehört auch, dass kleine Schutzstrategien das Neulernen bremsen. Im Meeting sind das etwa: nur sprechen, wenn der Satz vollständig vorformuliert ist, oder den Beitrag sofort mit einer Entschuldigung abschwächen. Solche Strategien geben kurzfristig Sicherheit, verhindern aber die Erfahrung, dass es auch ohne sie geht.

Aufregung als Energie

Ergänzend zeigt Alison Wood Brooks, dass Aufregung als Vorfreude gedeutet besser genutzt wird als der Versuch, ruhig zu werden. Das passt zum Prinzip, die Anspannung nicht zu vermeiden, sondern mitzunehmen.
Im Mentoring übersetzen wir diese Prinzipien in eine Abfolge von Meeting-Situationen mit steigendem Anspruch. Wenn das Schweigen auch außerhalb des Berufs stark belastet, ist eine psychotherapeutische Begleitung der passende Rahmen.

Ihr nächster Schritt

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis das Schweigen nachlässt?

Das hängt davon ab, wie lange und in wie vielen Situationen das Muster gewachsen ist. Viele spüren nach den ersten gelungenen Schritten eine Entlastung. Verlässlich wird die neue Erfahrung erst, wenn sie in mehreren Kontexten wiederholt wurde.

Ist das eine Expositionstherapie?

Nein. Das Mentoring nutzt Erkenntnisse der Lernforschung für berufliche Sprechsituationen, ist aber keine Psychotherapie. Bei einer Angsterkrankung ist eine psychotherapeutische Behandlung der richtige Weg.

Quellen

  • Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410–422.
  • Bouton, M. E. (2004). Context and behavioral processes in extinction. Learning & Memory, 11(5), 485–494.
  • Brooks, A. W. (2014). Get excited: Reappraising pre-performance anxiety as excitement. Journal of Experimental Psychology: General, 143(3), 1144–1158.
  • Craske, M. G., Treanor, M., Conway, C. C., Zbozinek, T. & Vervliet, B. (2014). Maximizing exposure therapy: An inhibitory learning approach. Behaviour Research and Therapy, 58, 10–23.
  • Krypotos, A.-M., Effting, M., Kindt, M., & Beckers, T. (2015). Avoidance learning: A review of theoretical models and recent developments. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 9, 189. doi.org/10.3389/fnbeh.2015.00189
  • Maren, S., Phan, K. L., & Liberzon, I. (2013). The contextual brain: Implications for fear conditioning, extinction and psychopathology. Nature Reviews Neuroscience, 14(6), 417–428. PMC